Tagesbericht 29.11 - 6.12.

Einen zweiten Tag mit grau verhangenem Himmel und gelegentlichen Regenspritzern hätten wir eigentlich nicht gebraucht. Die wichtigsten Pflichtaufgaben hatten wir alle schon abgehakt.

Am dritten Tag pr - post recordem - wuchs dann langsam die Nervosität. Klar, man kann fliegen, die Sonne scheint und ein bisschen Thermik gibt´s immer, aber dafür waren wir eigentlich nicht hier.

Am 1. Dezember waren nach Vorhersage schwache Wellen nicht ausgeschlossen, die Windgötter hatten tief inhaliert und begannen nun wieder langsam auszuatmen. In der Hoffnung, dass sich das Windfeld doch noch ein wenig nach Norden ausweitet, starteten Carsten und Wolf-Dietrich gegen Mittag zu einem ersten Messflug. Der thermisch angehauchte Hausrotor war das erste Objekt, die höchst markante Strömungskanalisation im Tal von San Martin kam als nächstes dran. Nur die Chapelco-Welle enttäuschte die Wissenschaftler, sie war komplett eingeschlafen. Weil sich der wellen-störende Thermikeinfluss deutlich abschwächte, ging´s um ½ 6 nochmals in die Luft: nichts Neues.

Am Freitag waren dann die 20 Knoten Windfähnchen etwas nähergerückt, aber für einen grossen Flug war die vermutete Position der ersten Rotoren immer noch zu weit im Süden. Für eine motorgetriebene Exkursion der fliegenden Messplattform war das kein Hindernis, Carsten lud den Logger, Wolf-Dietrich füllte die Tanks und um 11 Uhr 30 verschwanden die beiden mit der Stemme Richtung Süden. Bis Bariloche rührte sich überhaupt nichts, ein Band schwächlicher Wolkenbäusche hinter dem Flugplatz San Carlos verweigerte sogar die geringste Turbulenz. 50km weiter beschlossen sie eine erste Ost-West Traverse unter einer eher vermuteten Lenti hindurchzulegen. Bei nur etwa 20km/h Wind auf 3000m fanden sie erstaunlicherweise eine schwache Wellenströmung, gerade recht um die Empfindlichkeit der Sensoren zu verifizieren. Nach zwei weiteren, ca 20km langen, Schnittflügen hatten sie genug gute Daten im Kasten und traten den Heimflug an. Für morgen hatte uns René per Ferndiagnose die Monsterwelle angekündigt und da wollten wir rechtzeitig alles fertig machen.

Dem 12-Ender über dem grossen offenen Kamin der Hosteria muss der Samstag Morgen um ½ 5 ziemlich grotesk vorgekommen sein. Da kippte einer in Daunenjacke und Wollmütze am Frühstückstisch schon die dritte Tasse Kaffee in sich hinein, ein anderer tauchte noch halb im letzten Traum den Löffel in die Butter, ein dritter war am anderen Ende des Tisches dabei, sein Handy mit einer Nummer im fernen Alemana zu malträtieren. Der tote Hirsch konnte ja nicht ahnen, dass die Aussicht auf 60km/h aus Sektor West in 4.5km Höhe schuld an der ungewöhnlichen Szene war. Alle wollten es heute wissen. Da ging es natürlich nicht ganz ohne Hektik. In letzter Minute fiel Klaus ein, nochmal die Aufgabe zu ändern - die heranziehende Frontbewölkung liess den 750km südlich gelegenen Wendepunkt doch etwas zu optimistisch erscheinen. Um 6:45 waren dann Wolf-Dietrich und er gestartet und hielten nach einem tiefen Abflug auf die morgenrote Lenti zu. Eine halbe Stunde später dann der zweite Versuch - es ist nicht alles Gold, was glänzt und nicht unter jeder Lenti steigt´s. Die ersten 150km waren ziemlich mühsam, von der Monsterwelle war nichts zu sehen und zu spüren und nach den zweiten 150km war es schon zu Ende: ab Esquel war alles dicht. Also kein neuer Rekord! Nach hause gab´s dann das schon geübte Surfen auf der Föhnwelle und um 2 Uhr war die Stemme bereit für die nächsten Messflüge. Klaus und Carsten trieben sich 5 Stunden lang in den Wellensystemen der Umgebung herum und brachten Megabytes von interessanten Daten mit. Langsam zog es dann auch in San Martin zu. Als wir die letzten Chorizos vom Grill nahmen fing es zu stürmen und zu regnen an, die Temperatur fiel. Am nächsten Morgen war bis auf 1200m herunter Schnee gefallen und auch tagsüber trieb der böige Wind immer wieder Schneeschauern aus den Anden heraus. Ein Wetter, das Carsten den Abschied leicht machte.

Sonntag, 2. Advent, ein durchschnittlicher Thermiktag. Und auch heute, am heiligen St. Nikolaus, strahlt die Sonne bei leichtem Wind unschuldig vom tiefblauen Himmel. Nach der Vorhersage wird es auch morgen nochmal ruhig bleiben, dem Abflug von Wolf-Dietrich steht damit nichts mehr im Wege, vorausgesetzt Southern Winds findet noch einen freien Platz nach Buenos Aires. Ohne Vorankündigung hatten sie Kurs 6681 am Dienstag gestrichen.

Das war´s dann wohl für MWP ´99. Klaus wird noch zwar noch weiter auf der Lauer nach der Riesen-Lenti liegen, aber seine Ein-Mann-Show wird sich nicht um Fliegen, Familie, Meteo und Berichteschreiben (Reihenfolge absolut zufällig) gleichzeitig kümmern können.

Bleibt weiterhin auf Empfang, sobald wir uns alle wieder an normale Sauerstoffsättigung und legale Arbeitszeiten gewöhnt haben wird es wohl nochmal einen kleinen Rück- und Ausblick geben.

Hasta la proxima

WDH für das MWP-Team

 

PS.: von wegen:...die Sonne strahlt unschuldig von Himmel! Heute war ein granatenmässiger Thermiktag, höchste gemeldete Basis 4600m, die one-ton Stemme wurde mit 6.3m/s fast auf eine Umlaufbahn geschossen und unter Aufreihungen ging´s über lange Strecken fast wie auf der Lenti-Rennbahn. Nach 5 gab´s dann örtlich Überentwicklungen, die aber dem Spass eher Spannung verliehen als zu einem vorzeitigen Abbruch zwangen.