Bericht vom  27.11.1999


Pilot:
Klaus Ohlmann, Wolf-Dietrich Herold
Flugzeug: Stemme S 10 VT, D-KMTE

Start: 8:55 Uhr local
Wendepunkt: free triangle
Landung: 19:00 Uhr local

Streckenlänge: 1222km
Flugzeit: 10.05 h

Flugwegdarstellung

Pilotenbericht

Die Bude war voll, alles drängte sich um den Laptop. Kurz vor dem Lichterlöschen wollte jeder noch die letzte Wetterinfo haben und die war wieder einmal so, dass sich jeder nach Gusto und Optimismus den Wecker irgendwann zwischen vier und acht stellen konnte. Während das deutsche Modell die aufziehende Front noch etwas bremste, dafür in den unteren Schichten richtig Dampf machte - wir sahen Windfahnen mit 4 Häckchen dran, also 40 Knoten - schoben die Argentinier die Kaltluft schneller nach Norden und wollten unter Flight Level 65 nichts von Wind wissen. Ein bisschen hatten wir in den letzten Wochen ja doch gelernt und so beschlossen Klaus und ich, um ½ 7 noch einmal an den Himmel zu gucken und dann die go/no go Entscheidung aufgrund persönlicher Beobachtung zu fällen.

"Wind is ja keiner, aber das dort is doch ein Rotor...", weit beugt sich Klaus aus dem Fenster und weckte mit diesem ziemlich widersprüchlichen Morgenkommentar meine Neugier. Naja, viel Optimismus gehörte schon dazu, wegen ein paar Wolkenfetzen das längst fällige Ausschlafen noch einmal zu verschieben. Ich lies mich überreden, packte die warmen Hosen ein und auf ging´s zum Flugplatz. Schon beim Hinausfahren zog unser Renault einen langen Spurt an, nach jeder Kurve sah man mehr vom Himmel und was man sah, spornte an. Um 8:40 gab Klaus dem Rotax Vollgas. Wir trafen die ersten Rotoren, und in knapp 2000m wurde es schon ruhig. Noch schnell den Abflug geloggt und zurück in den Chapelco Lift, den wir in knapp 4000m mit Südkurs verliessen. Ein Routine-Start, zumindest was die Route angeht, diesmal allerdings ohne Frühgymnastik im Rotor, ohne die durch schwaches Steigen oft stark strapazierte Geduld. Fast quer scheinen wir über die Bergkämme zu schieben, die Nordwest-Komponente ist ziemlich stark und hier oben messen wir 80-90km/h Wind - in Gedanken ziehen wir den Hut: die Vorhersage des Amtes, wie sich René ausdrückt, liegt genau richtig!

An der Südwestkante des Chapelco-Massivs finden wir das nächste Steigfeld, der Weg hierher hat uns schon fast 1000m gekostet und wir brauchen diesen Zwischenschritt um einigermassen bequem in die Manzano-Welle einsteigen zu können. Als wir mit mehr als 4m/s auf dem Vario an der mehrschichtigen Lenti hochklettern öffnet sich uns langsam der Blick nach Süden: ein Himmel wie ich ihn noch nie gesehen habe! Wie Wachtürme einer Festung stehen die Monster-Lentis aufgereiht vor der dichter werdenden Bewölkung der hereindrückenden Front. Auch wenn Diether, der von Kilometer 180 den Rückzug wegen geschlossener Wolkendecke meldet, nicht gerade grosse Erwartungen auf einen langen Schenkel nach Süden weckt, diese Lentis wollen wir uns aus der Nähe ansehen. In knapp 5000m setzen wir zum Sprung über das breite Becken von Bariloche an, suchen uns auf der Südseite die schönste Föhnlücke aus und brausen los. An der Sierra de la Ventana, inzwischen fast so vertraut in Aussprache und Ansicht wie der Pic de Bure, legen wir einen kurzen Fotostop ein, die Aussicht ist einfach überwältigend. Immer neue Formen rücken ins Gesichtsfeld der Piloten und Kameras, hinter jeder Biegung unserer airway warten frische vistas. An der Formation "Delphine im Huckepack" machen wir zum hohen C des Vario Höhe, um die nächsten 40-50km besser einschätzen zu können. Es ist nicht die Sauerstoffmangel-Euphorie, die uns weiter nach Süden stürmen lässt. In den dichten Lentifeldern sehen wir klare Föhnlücken, haben immer Bodensicht und selbst wenn es schneller als erwartet zumachen sollte, können wir ganz locker nach Osten abdrehen: die Wellen schwingen bis weit in die Pampa. Wir springen auf die nächste Parallelstrasse im Osten und weiter geht der Ritt.

"Klaus, wir fliegen bis Esquel und dort treffen wir uns zur Höhenkonferenz", schlage ich vor und der ausgestreckte Daumen vom linken Sitz macht alles klar. Bei Kilometer 300 hört unsere Strasse auf und wir drehen schon hier. Weiter im Süden stehen dichte Schauerwolken, an denen man sich zwar vorbeimogeln könnte, die aber doch höchstwahrscheinlich den Rückflug in kurzer Zeit überaus schwierig machen würden. Es ist 11:15, wir haben einen guten 130er Schnitt vorgelegt und nun geht´s auf zum Galopp nach Norden. Die Route ist vorgezeichnet, die Lenti-Kante wartet nur auf uns, Klappen auf minus 10 und unser Schwergewicht holt Fahrt auf. Während der nächsten 20 Minuten fällt die Groundspeed selten unter 230, manchmal stehen über 300km/h auf dem GPS-Display. "Alter, Du bist Spitze", rufe ich zu Klaus hinüber, der mit seinem Ellenbogen kurz vor meinen Rippen am Datalogger hängenbleibt. Nase in den Wind, Fahrt kurz rausnehmen und schon jubelt das Vario wieder. Zwischen 4.5 und 5.5km schiessen wir dahin, ein ganzes Stück weiter östlich als bei unserem outbound leg. "Get your kicks on Route 66..", der alte Stones Hit kommt mir in den Sinn. Kicks ohne Ende, zwar nicht von den starken, ruhigen Wellen, aber von den Aussichten auf Wolken, Fahrtmesser, Vario und nicht zuletzt auf einen zweiten Wendepunkt weit im Norden. Und dann ein Kick von Klaus, der meine Aufmerksamkeit auf die Windanzeige lenken will: was ist denn hier los? 180 Grad mit 18 km/h? Das kann´s ja wohl nicht geben, da würde der Wind ja parallel zu den Lenti-Kanten blasen. Wir beobachten mit Erstaunen und -zumindest momentaner- Ratlosigkeit was uns da vorgegaukelt wird. Die einfache Kopfrechnung ist selbst nach 3 Stunden am EDS Sauerstoff schnell gecheckt: Indicated airspeed nach Faustregel auf true airspeed umrechnen und von groundspeed subtrahieren und : zumindest die Rückenwind-Komponente kommt richtig heraus. Noch länger als 5 Minuten fasziniert uns dieses Phänomen, bevor sich langsam wieder die gewohnte Nordwestströmung einstellt. Inzwischen sind wir mehr als 50 km im Osten an Bariloche vorbeigeflogen und sehen, dass sich nordwärts die Lenti-Bewölkung wieder stark verdünnt. Wir müssen uns entscheiden, welche der drei sich aufbauenden Wolkenreihen wir ausnutzen wollen. Klaus favorisiert die westlichste, die im Lee des Chapelco vermutlich die Primärwelle kennzeichnet. Dazu müsen wir ein ganzes Stück nach Nordwesten gegen einen Wind von kurzzeitig mehr als 100km/h vorfliegen, was zuerst Höhe - mehr als 2000m - und nach 10 Minuten ohneden leisesten Piepser vom Vario auch ein bisschen Nerven kostet. Wir melden uns zurück im Land von Thermik und Rotoren und fliegen einen dicken Cumulanten an. Der ziert sich und schaukelt uns nur von einer Ecke zur anderen. Während Klaus wenigstens ein paar Höhenmeter herauseiert, schaue ich mir mal die geraden, in den Wind gerichteten Stücke der Strasse unter uns genauer an, nur so, für den Fall der Fälle. Immerhin haben wir uns nun vergewissert, dass unten auch thermisch noch eine Überlebenschance besteht. Also auf zur nächsten Wolke. Die greift schon herzhafter zu und nach ein paar wilden Taumelkreisen schwingt sich das Vario auf 3.5m/s ein. Das fühlt sich gut an, denke ich mir, und schon zieht Klaus die Stemme durch einen luvseitigen Nebelfetzen nach oben. "Was dann kommt ist Geschichte.." oder so ähnlich: "climb to and maintain flight level 200" gebe ich an meinen Piloten durch und mit 4m/s geht´s Richtung 6000m. Kurz vor 14:00 ziehen wir im 300km/h Reiseflug über San Martin nach Norden, trotz unserer Bodengymnastik halten wir über die ersten 600km einen 120er Schnitt und rechnen mal schnell, wie weit die Flügel wohl heute tragen. Ganz schön weit, wenn es uns gelingt von dem Abreiten der Lenti-Kanten auf das effiziente Anfliegen einzelner, viel höher und weiter auseinander stehender Wellen umzuschalten. Erster Stop 50km nordöstlich von San Martin, dann weiter, um den Südrand der Catan Lil Berge herum in das Tal von Loncopue einschwenken , Zapala rechts liegen lassen und die erste Lenti südlich von Las Lajas anpeilen. Mit bis zu 3.5m/s steigen wir auf über 7000m. Hier im Norden ist bis auf die wenigen flachen Lentis, die in geschätzten 9km über der Talmitte stehen, alles blau und wir haben einen ungehinderten Blick weit nach Chile hinein und bis hoch an den Tromen, den Hausvulkan von Chos Malal. Da es den Ganoven bekanntlich immer wieder an den Ort seiner Schandtat zieht, würde es mich nicht erstaunen, wenn Klaus sich heute insgeheim einen Wendepunkt dort oben vorgenommen hätte. Mir soll es nur recht sein! Wir finden zuverlässiges Steigen unter den Lentis und haben unsere Reiseflughöhe nun in das Band zwischen 5.5 und 7km verlegt. Munter zählt das GPS die Kilometer ab, bei km 240 nach San Martin haben wir mit unserem 600km langen Südschenkel schon den längsten Flug in Südamerika im Visier - erfolgreiche Heimkehr vorausgesetzt. Aber jetzt schon umkehren? Elfhundert sollten es schon werden, das sind ja nur noch 10km! Dann steht der Zähler bei 270 und als Klaus halb fragend, halb fordernd :" Ich glaube wir sollten eine Zwölf vor die zwei Nullen machen" unter der Suaerstoffmaske hervorpresst, muss ich grinsen - na klar doch, Captain!

Auf dem Rückweg halten wir uns zunächst an unsere vorher gelegte GPS Spur und steigen langsam auf 8000m. Jetzt geht es nur noch um´s Heimkommen und da wollen wir möglichst viel Aktionsradius. In der trockenen Luft können wir unten nirgends die hilfreichen Rotorfetzen erkennen, sollten wir irgendwo aus der Welle kippen, würden wir uns wohl gehörig anstrengen müssen, um heute noch den Chapelco zu sehen. Die Lentis waren inzwischen etwas nach Osten zurückgewichen, auf unserem Kurs sahen wir die nächste irgendwo im Lee der Catan Lil. Höhe und klare Luft machten ein Schätzen der Entfernung sehr schwierig und die graubraunen Schattierungen am Boden liessen Wolkenschatten nur schwer erkennen. Schon eine ganze Zeit hatten wir nun konstantes Sinken, unsere anvisierte Lenti rutscht immer höher im Blickfeld, es wird ruhig im Cockpit. Da bockt plötzlich der Flieger, wirft zuerst die rechte, dann die linke Fläche nach oben, das Vario verschluckt sich - und wo sich sonst die Passagiere erschrocken anstarren, brechen zwei Flieger in ein befreites Lachen aus: thank you, Rotor!

Ein paar Steilkreise und unsere Ziellenti liegt auf Anflughöhe: mit 6,3 integriert zieht sie uns nach oben.

Erst jetzt haben wir wieder Musse ,um uns um den mit einem Zoo von "animales lenticulares "gefüllten Himmel zu kümmern. Da ruft uns Reinhard: die feuchte Luft schwappt in das Tal von San Martin, er meldet 7/8 auf 1700NN. Jetzt aber die Bremse raus und Volldampf nach hause. Noch 129km! Je näher wir der homebase kommen umso dichter wird die Watte. Löcher gibt´s noch jede Menge, also erstmal kein Grund zur Panik. Aus unserer tiefblauen Höhe sinken wir langsam in die windgestrahlte, von bizarren Formen gebildete Wolkenlandschaft. Noch 50km. Immer wieder blitzen die Abflüsse der vielen Seen die Reflektionen der tiefstehenden Sonne zu uns herauf und deuten so auf weitere, grosse Lücken im weissen Teppich. Unsere Wolkenreise führt uns durch tiefe Canyons, weite Täler, vorbei an zackigen Gipfeln und tiefen Höhlen. In 20km Entfernung ziehen wir die Klappen und tauchen unter die Basis. Gespenstisch sieht es da aus, die dunkelgraue, vom Wind zerissene Basis lässt die wenigen Strahlen der Sonne, die ihren Weg durch das zusammengeschobene Wolkengemisch finden, umso gleissender erscheinen. Wären da nicht die Jungs am Boden , die endlich wissen wollen, wo wir herkommen, wir könnten noch ein paar Filme bei diesem wilden Licht verknipsen. Im kurzen downwind spüren wir die 35 Knoten, die auf der runway stehen. Kurz vor dem taxiway setzt Klaus auf und kurz danach stehen wir.

Es bleiben ein paar Minuten um uns anzuschauen: wow, was für ein Flug!

Dann kommt die Meute und will alles nochmal und nochmal erzählt haben.