WELTREKORDFLUG! (Free out-and return Distance - 1406km)
13.12.99

Pilot:
Klaus Ohlmann, Mauro Zaldua
Flugzeug: Stemme S 10 VT, D-KMTE

Start: 5.45 Uhr local
Wendepunkt: free turnpoint (free out and return)
Landung: 20.00 Uhr (local)

Streckenlänge:1406 km
Flugzeit:
14.00 h

Flugwegdarstellung

Alle Zeichen stehen auf Sturm!! Die Vorwarnung kommt über´s Internet, die Drähte glühen, aus Berlin kommen sowohl vom "Amt" durch Rene als auch von Carsten Lindemann Dringlichkeitsmeldungen für den folgenden Tag. Entsprechend hochmotiviert sitze ich um 3:30 a.m. am Frühstückstisch, hole mir noch rasch das Satellitenbild und letzte Windkarten aus dem argentinischen Server und fahre dann zum zweiten Frühstück in die Hosteria der Truppe von Dieter Memmert, um dort die letzten Informationen zu verteilen. Wir sind uns einig über eine Aufgabe nach Süden. 1715 km Zielrück stehen auf dem GNSS-Formular mit dem Abflugpunkt Chapelco, dem Flugplatz von San Martin de los Andes.

4 Sekunden nach dem Umdrehen des Zündschlüssels brabbelt der Rotax los, während die Zweitakter erhebliche Probleme beim Anspringen haben. Um 5:45 galoppieren die 115 Pferdchen unserer Stemme munter über die 2400 m lange Piste und nach kurzem Steigflug erreichen wir ein unscheinbares Wölkchen nördlich des Platzes. Ein kurzer Ansatz von Turbulenz, doch schon geht es unmittelbar vor der Wolke mit 5m/s laminar aufwärts.....was für ein Anfang!! Ich unterbreche den raschen Aufstieg in 2400m und überfliege die Piste von Chapelco in 2200m, bei einem hohen Abflug müsste ich entsprechend höher abends anfliegen, bei einem knappen Endanflug wäre damit der Zielrück vertan. Wieder in meiner Welle angelangt, geht es zügig bis auf 4100m, dann gleite ich in Richtung Süden.

Um 7:00 habe ich bereits die ersten 100 km hinter mir und bereite mich für den Sprung über die breite Lücke von Bariloche vor. Die Erfahrung der vorangegangenen Flüge macht mich vorsichtig. Hier kann man schnell Zeit verlieren. 4000m sollen mir heute genügen, ich komme gerade an der Basis eines Rotors südlich der Stadt an.. Für Mauro, meinen argentinischen Freund ist es die erste Bekanntschaft mit der gewaltigen Kraft dieser Walzen. Nach kurzer, aber heftiger Turbulenz schiebt uns ein unglaublicher 9 m Aufwind geradezu vor sich her. Mauro kann dem Vario kaum glauben, aber die rasch kreisende Höhenmessernadel belehrt ihn eines besseren. Leider läßt das Steigen sehr rasch nach, wir folgen einer verwaschenen Rotorlinie ohne allzugroßes Sinken, die Bewölkung auf Kurs zwingt uns jedoch zu einem Schlenker nach Osten in breitere Föhnlücken. Das Tal von El Maiten hat wieder klarere Wellenstrukturen., die niedrigen Rotorwolken erlauben ein zügiges Vorankommen in Höhen zwischen 2500 und 4000m. Kurz nach 9:00 überfliegen wir die 300km- Marke. Eine deutliche Südkomponente des kräftigen Windes fordert ihren Tribut. Bei km 400 outbound passiert mir dann der erste Fehler. Die zahlreicheren Wolken im Westen verleiten mich, in ein Tal südwestlich von Corcovado einzufliegen. Keiner der vermeintlichen Rotoren bringt jedoch das erwartete Steigen. In Nullkommanichts hänge ich in 1600 m an den Waldhängen mit schwachen Aufwinden, hier ist kaum Wind! .Immer wieder verliere ich meine mühsam errungene Höhe bei den Versuchen, wieder in laminare Sphären zu gelangen. Nach über einer Stunde verlasse ich das unwirtliche Gebirgstal entnervt in Richtung Flugplatz Corcovado und steuere einen flachen, südöstlich gelegenen Hügel an. Der Wind ist hier wieder deutlich stärker...... und die Rechnung geht auf. Ein kräftiger Hangwind hebt mich aus kümmerlichen 1000m NN wieder auf brauchbares Arbeitsniveau. Ein heftiger Rotor in Talmitte bringt mich rasch wieder auf 4500 Höhenmeter. Er stand sicher auch schon vor 2 Stunden hier, schießt es mir durch den Kopf, na ja für´s nächste Mal. Die Bewölkung nimmt wieder zu. Lago General Winter ,Rio Pico, Villa Tapera und Lago Fontana ziehen unter mir vorbei. Bis hierher war ich mit Martin schon geflogen. Ab jetzt beginnt völliges Neuland, und das mit immer kleiner werdenden Wolkenlücken. Die Navigation wird zur interessanten Mischung aus GPS- und Bodenbeobachtungen. Südlich des Paso Cohaique kann ich gerade noch eine hochragende Wolkenwand überfliegen, eine sehr ungemütliche Situation in Anbetracht unbekannter Berge, die in diesen Wolken stecken mögen. Glücklicherweise werden die Lücken jetzt wieder breiter. Mit den deutlicheren Wolkenbändern nimmt das Steigen auch wieder zu. Ich rutsche an einer wunderschönen Wolkenbank mit 2-3 Metern entlang und kann rechts vor mir den direkt an der Grenze liegenden chilenischen Flugplatz Balmaceda ausmachen. Die schneeweiße Schiene führt mich direkt in das Lee einer rotbraunen Gebirgskette. Es wird immer lichter und plötzlich wird der Blick frei auf die atemberaubende Farbenpracht des Lago Buenos Aires. Die Laguna Ibanez mit ihren leuchtend grünen Wassern vermischt sich mit dem dunklen Blau des Buenos Aires-Sees, der weit bis nach Chile hinein reicht. Nach Süden ist wieder alles frei und es fällt mir schwer hier umzudrehen.

Zwei verlorene Stunden sind jedoch ein nicht zu leugnendes Argument. Es ist kurz vor 15:00 und es sind noch 700 km bis nach Hause. Nördlich des Sees geht es zunächst einmal mit 5 bis 7m auf knapp 8000m.

Die deutliche Südkomponente macht sich mit Grundgeschwindigkeiten bis zu 330 km/h bemerkbar. Nahezu 200 km geht es bis zum Lago Fontana geradeaus. Ich sinke nur noch selten unter 5000 m und habe aus meinem Hochsitz einen wesentlich besseren Überblick über die Wolkenstrukturen. Nach nur 2 Stunden habe ich 300km in Richtung Heimat gutgemacht. Bei Corcovado wird es dann doch wieder etwas niedriger, und ich ermahne mich zur Vorsicht. Südlich von Futulaufquen bekomme ich wieder Oberwasser. Eine 4-metrige Welle hievt mich auf komfortable 6600m. Querab von El Maiten etwa 200 km von San Martin bereite ich mit 3-4m auf den Endanflug vor. In knapp 7000m gleite ich in völlig ruhiger Luft nach Norden. Links vor mir liegt das herrliche Massiv des Tronadors, zur rechten die Halbwüste der trockenen Pampalandschaft, voraus ist schon der Nahuel Huapi westlich von Bariloche zu sehen. Knapp 6000 m sollten für die restlichen 120 km schon reichen. Entspannt lehne ich mich zurück. Die schillernde Seenlandschaft der sieben Lagos blitzt in der Abendsonne, windzerfurchte Wolkenbänder weisen den Weg. Westlich des Chapelcos schnüre ich an den rostfarbenen Hängen entlang, vorbei am Meliquinasee, ziele in das dunkle Becken des Lago Lacar, dem See von San Martin.

Um 20:00 Uhr rollt die Stemme nach 14 Stunden und 1406 km auf der breiten Asphaltbahn von Chapelco aus.