Bericht von 18.11.1999  
  Pilot: Klaus Ohlmann, Wolf-Dietrich Herold
Flugzeug: Stemme S 10 VT, D-KMTE

Start: 7:55 Uhr local
Wendepunkt: free turnpoint (free out and return)
Landung: 18:00 Uhr (local)

Streckenlänge: 692km
Flugzeit: 10.05 h

Flugwegdarstellung

Pilotenbericht

Am Vorabend macht Rene uns klar, daß die Nacht kurz werden wird. Um 5.30 klingelt der Wecker. Der Wind soll in der Höhe schwach ,bis FL 65 relativ kräftig sein. Wir entscheiden uns für einen freien ZR-Flug in Richtung Süden, die Gegend südlich von Bariloche ist mir noch weitgehend unbekannt. Start gegen 7:50 local mit vereinzelten Rotorwolken. Auffällig sind die luvseits gekrümmten Tops der Cumuli fractus, ein Zeichen für nachlassenden Wind in der Höhe. Nach dem Abstellen des Motors tingeln wir zunächst etwas mühsam um den Platz, ehe wir einen kräftigen Aufwind nördlich des Chapelco annehmen. Die Freude währt nur kurz, in knapp 2300m bricht sich die Welle gegen den Wind, vor dem Cumulus nur heftiges turbulentes Sinken. Nach mehrmaligen Anläufen fliegen wir in Richtung Süden los, im "Lee"des Chapelco kaum Sinken. Am südlichsten Ausläufer, in Blickweite des Landingstrips von Caleufu, endlich wieder kräftiges Steigen direkt am Berg. Thermik? Rotor?...wer weiß. In 2700 m fliegen wir vorsichtig in die landetechnisch etwas ungemütliche Gegend nordöstlich von La Primavera weiter. Hier ist die Staubewölkung vom Pazifik weit vorangekommen. Wir schauen auf eine dichte Stratusbewölkung, nur hier und da von kleinen Föhnlücken durchbrochen. An einem Wolkenhang suchen wir vergeblich nach einem Wellenaufwind, mit 2 m/s verhöhnt uns die vermeintliche Rotorlinie. Wir flüchten uns an einen östlichen Vorhang mit Hangwind und Cumulus.In nur 1700m ist uns auch 1- 2-m willkommen. Der flache Pass unter uns führt in das Tal des Limay, auf unserer Karte eine schmale, blaue Linie, in Wirklichkeit ein mächtiger, mehrere km breiter Stausee. Das letzte update unseres Navigationshilfsmittels war vor knapp 20 Jahren. Eine kleine Welle nordöstlich des Primaverastausees hebt uns auf die komfortable Höhe von 3200m. Hinter der Manzanokette können wir den riesigen See von Nahuel Huapi im Becken von Bariloche einsehen. Eine "Kurbelwelle", wir haben ca 20 km/h südlichen Wind im Lee des Manzanogebirges, erlaubt uns die direkte Überquerung des breiten Tales.Wir rufen den Airport und bekommen die Genehmigung direkt über dem Flugplatz nach Süden zu ziehen. Die Frage nach unserer destination beantworte ich mit "direccion Esquel", die nach der maximal möglichen Flugzeit mit "configuracion planeador". Dies bedarf einiger Erklärungen und ich bin froh diese in Englisch loswerden zu können. Die Sierra de la Ventana empfängt uns mit einem sehr turbulenten Rotor, mehr als 3000 m sind hier nicht zu holen. Zwischen zahlreichen Wolken schwimmen wir über den Pass in das wilde Tal nach El Maiten , hier fängt für mich fliegerisches Neuland an. Zunächst müssen wir erst einmal die Klappen ziehen, um unter die dichte Wolkendecke zu kommen. Wir tasten uns entlang der flachen Hänge in die hellere, sonnenbeschienene Landschaft nördlich des Flugplatzes El Maiten. Die Landschaft erinnert mich stark an die Halbwüsten von Nevada, der erste Bart unter einer eher unscheinbaren Wolke auch. Mit 5.5m/s rundem Steigen sind wir im Nu an der Basis von leider nur 2200m NN, ein Vorfliegen gegen den Wind bringt aber nichts. Hier gibt es nur Thermik und Hangwind mit ca. 30 km/h aus Westen. Dennoch, ich bin neugierig weiter nach Süden vorzudringen. Mehrere ca.2000m hohe Bergzüge mit leider etwas flachen Flanken sollen den Rückweg sichern, falls mit der Thermik Probleme auftauchen sollten. Eine breite, aphaltierte Strasse ist die backup-Variante für eventuelle Startschwierigkeiten des Motors. Wir hangeln uns bis zu dem kleinen Dorf von Cholila, ehe wir in die Berge um den Futulaufquensee nach Westen abbiegen. Beim Anflug fühlt es sich immer mal wieder leicht wellig an, es gelingt mir jedoch nicht, mehr als 2000m zu erreichen. Der See in den Bergen nördlich des Flugplatzes Futulaufquen zieht Streifen im starken südlichen Talwind und hat deutlich weiße Schaumkronen. Ein letzter Versuch doch noch eine Welle zu finden wird in 1500 m aufgegeben. Südwestlich schauert es in der Cordillere, eine hohe Abschirmung wird wohl auch bald die Thermik in der Pampa zum Erliegen bringen. 300 km von San Martin entscheiden wir uns kurz vor 14:00 für die Umkehr. Unter uns schwebt ein Condor mit seinem weißgestreiften Gefieder majestätisch am Fels. Eine Wolkenstrasse und die deutliche Südkomponente des Windes bringen uns rasch in Richtung Heimat voran. Wieder im oberen El Maiten - Tal folge ich einer hauchfeinen Aufreihung von Fractocumuli und siehe da, diesmal werde ich fündig. Eine schwache Welle hebt uns auf über 3000m und erlaubt uns oberhalb der dichten Bewölkung mit deutlich erhöhter Geschwindigkeit in Richtung Norden voranzukommen. Der Wind bläst aus ca 190 Grad mit ca 35 km/h. Mehrere Male stoßen wir in den Ausläufern der Sierra de la Ventana auf laminares Steigen mit bis zu 2 m. Wir sind sehr zufrieden, in stolzen 4000 m überqueren wir den Nahuel Huapi, nicht ohne vorher den Airport um eine Freigabe zu bitten. Das Einhalten der Flugfläche weisen wir mit dem Hinweis auf unsere "configuracion vuelo a vuelo" zurück und wir erhalten die Erlaubnis auf FL 100 zu sinken. 20 NM nördlich verlassen wir die Frequenz des freundlichen Controllers. Die Wolkendichte nach Westen hat eher noch zugenommen und wir schleichen uns um den Chapelco herum nach San Martin. Die Kameraden aus Brasilien haben eine schöne Welle nördlich des Platzes, wir wollen noch ein wenig nach Norden, schließlich ist es erst 16:20.

Der Brasilianer Thomas Milko klinkt sich mit seinem Nimbus 4 bei uns ein. Wir fliegen zum Vulkan Lanin , der wie eine Festung aus der Wolkendecke ragt. Hier kann man wunderbar das seitliche Umfließen eines konusförmigen Berges studieren. Noch weiter im Lee bilden die Wolken ein typisches Beispiel für einen "hydraulischen Sprung" ab. So erklärt es mir Wolf-Dietrich, der als Physiker einschlägiges know-how mitbringt. Wir nutzen die tolle Aussicht, Thomas mit seinem Nimbus und dem Vulkan auf Zelluloid zu bannen. Nach 10 Std. und knapp 700 km landen wir in San Martin um 18:00.