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Seit
Tagen bläst unaufhörlich ein scharfer West durch das Tal von San Martin de
los Andes. Endlich, denn meine Geduld wurde seit November auf Probe gestellt.
Zwar gelangen uns, im Rahmen des
Mountain- Wave- Projects, einige Flüge über tausend km in der Welle, und
viele wunderschöne Thermikstunden über der bezaubernden Seenlandschaft dieser Region. Die "richtige"
Wetterlage ließ aber auf sich warten. Die Freunde vom wissenschaftlichen Teil
unseres Projekts saßen längst wieder im unterkühlten Europa an ihren
Schreibtischen, als endlich die heißersehnte Starkwindlage eintraf. Seit einigen Tagen war ich alleiniger Herr über den
Supermotorsegler S 10 VT, den ich in vielen Stunden und Situationen schätzen
gelernt hatte. In der Tat erstaunte es mich immer wieder, wie wendig dieses
Flugzeug mit immerhin 23 m Spannweite, und dank unserer Ausrüstung immer an
der obersten Grenze liegenden Gewichts, trotzdem ist. Mein Calif erscheint mir
daneben eher als gemächlich , was die Kurvenwechsel angeht.
Die Kombination
aus schnellem Motorflugzeug und absolut hochleistungstauglichem Segelflugzeug
ist weltweit einzigartig. Wohlgemerkt, die Stemme in Wettbewerbslisten zu
suchen ist müßig. Zentrale Wettbewerbe werden zumeist an schwachen Tagen
entschieden, wo mit niedrigsten Flächenbelastungen gerade noch gestiegen
werden kann. Die S 10 ist ein Fun- Flieger mit Drang zu Höherem.
Am
12.12. zeichnet sich mit einer
herannahenden Kaltfront eine passende Wetterlage für unsere Triebsituation
ab. Rene bestätigt meine Vermutung, mittels Wettermail aus dem
"Amt". Das
Amt für Wehrgeophysik, die uns unter der Leitung von Dr. Thomas Prenosil tägliche
Wind- und
Feuchtevorher- sagen lieferten, trug maßgeblich für die Planung und
den Erfolg unserer Expedition bei.
Grundlage
für die Vorhersage war ein regional verschiebbares numerisches
Wettervorhersagemodell, welches als Basis für die Beratung bei
internationalen Hilfseinsätzen der Bundeswehr dient. Unsere Flüge waren für
die wissenschaftliche Verifizierung ein wertvolles feed- back
Am
Folgetag gelingt mir, zusammen mit meinem Co Mauro, unserem eifrigen
argentinischen Helfer ein freier 1406 km Zielrückkehrflug. Einen Tag später,
mein Mitflieger ist noch erschöpft, fliege ich allein an einer unglaublichen
Lentistruktur wieder mehr als 700 km nach Süden und lande um 18:40 bei besten
Wellenbedingungen in San Martin, da die hereindrückende Kaltfront den Platz
zuzumachen droht.
Am
nächsten Morgen bin ich wieder
um 5:00 am Flugplatz, es nieselt leicht, in der Morgendämmerung sind nur weit
im Osten Aufhellungen zu sehen., mein Abflugpunkt ist aber der Flugplatz.
Meine Entscheidung, nicht zu fliegen, wird durch das Schlafdefizit der letzten
Tage forciert. Um 6:30 räkele ich mich wieder im warmen Bett und bin vor
Mittag nicht mehr zu sehen.
Das Satellitenbild und der Flugbericht von Diether Memmert, der sich an diesem Tag auf den Heimflug nach
Buenos Aires macht, belehrt mich im Nachhinein eines Besseren, der Tag war
sicherlich auch wieder ein großer Wellenstreckentag.
Am Nachmittag schaue ich mir im Internet auf dem argentinischen
Wetterserver noch einmal die Lage an. Die Kaltfront ist durch, vom Pacifik
rückt jedoch schon eine neue heran, und die Zeichen stehen schon
wieder auf Sturm. Der Versuch , die in e-mails verpackten Wetterdaten aus
Deutschland zu erhalten scheitert wieder mal am Server in San Martin. Ich
beschließe einmal mehr, daß morgen wieder "der Tag" sei und bin
wieder in aller Herrgottsfrüh hochmotiviert am Flugplatz.
In
schon geübter Manier wird Flieger ent- und Pilot bekleidet und um 6:40 zerrt
der Rotax die schwer beladene S 10 in
den nur wenige km westlich gelegenen Hausrotor. In 1500 m NN nehme ich das Gas
raus, nur einige Sekunden später bin ich in Segelflugkonfiguration im
schmalen, noch turbulenten Steigfeld unmittelbar neben dem Platz. Ich setze
eine GPS-Marke und mache einen Abflug in 1700 m NN. Im Logger ist ein 2080 km
Flug um 3 Punkte Zielrückkehrflug deklariert.
Nach dem Überflug wieder im
markierten Aufwind, steige ich auf 4000m und fliege zum Chapelco, dem ca.
2500m hohen Skigebirge von San Martin. Im Westen sehe ich die herannahende
Kaltfront mit ihrer typisch unscheinbaren cirrenähnlichen Erscheinung. Das
Licht ist fahl, einige flache Lentis markieren den Weg nach Bariloche. Trotz
mageren Steigens komme ich sehr rasch voran. Eine kräftige Nordwestkomponente
und 5000m Höhe treibt die Groundspeed auf über 200 km/h. Das Loch von
Bariloche wird mit einem Satz genommen. Auf der Frequenz des Flughafens ist
noch nichts los. Die Sierra de la Ventana ist zuverlässig wie immer.
Rotoraufreihungen in niedrigen Höhen auf Kurs geben die notwendige Sicherheit
für zügiges Vorankommen auf der Schnellstraße nach Esquel. Beunruhigt bin
ich allerdings durch die starke Stratusschicht, die von Chile über die
Kammlinie der Anden hereindringt. Wie schon so oft, scheint der Weiterflug
hier zu Ende. Ich will mich heute aber nicht wieder abwimmeln lassen. Die
Auswertungen von vorangegangenen Tagen hatten immer wieder ein Feuchteband südlich
der Esquelregion gezeigt, aber auch ein häufiges Abtrocknen weiter im Süden.
Ich nutze einen recht guten 3 m- Lift bis auf 7500 m , um mir die nötige Übersicht
zu schaffen. Vor mir breitet sich ein recht uniformes Stratusfeld mit nur
wenigen Lücken aus, das die hereindringende Kaltluft markiert. Vorsichtig
gleite ich etwa 100 km über das
gleichförmige Grau. Hie und da kann ich durch eine Lücke im Wolkenteppich
einen Hauch von terrestrischer Navigation betreiben. Ohne die bereits
erflogene Kenntnis des Geländes
da unten, wäre der Weiterflug undenkbar. Angestrengt starre ich auf Kurs und
tatsächlich, weit in der Ferne sind einige Bergspitzen auszumachen. Wenige
Minuten später wird mein Silberstreif am Horizont zu einem deutlich
sichtbaren Loch in der grauweißen Masse. Nach 200 km Gleitflug schaffe ich
gerade noch die letzten Wolkenhürden. Eine sonnenüberflutete Landschaft
breitet sich vor mir aus. Meine doch recht provisorische Navigation wird durch
den westlich gelegenen Lago Fontana wieder zum Kinderspiel. Dennoch fliege ich
sehr verhalten, da vor mir nur wenig Wellenzeichen auszumachen sind. Kaum der
grauen Herde entronnen, wünsche ich mir wieder ein paar Wolkenschäfchen mehr
als Wegbegleiter. Aber auch ohne die Rotorspielgefährten finde ich den
rechten Weg. Schon kann ich Balmaceda in Chile erkennen und vor mir liegt
bereits die dreifarbige Wasserlandschaft des Lago Buenos Aires. Nördlich des
gewaltigen Sees nutze ich die mir bereits bekannte steile Himmelsleiter, um
bis auf 7000m zu klettern. Südlich
kann ich jede Menge Rotorbänder erspähen, die bis weit ins Landesinnere
reichen. Hier betrete ich Neuland.... und was für welches. Unendliche
graubraune Steinwüsten mit einer Unzahl von verschiedenfarbigen Seen. Gelb,
rot, blau, grün, unmittelbar nebeneinander leuchten sie wie Spiegel zu mir
herauf. Ein gewaltiges Abwindfeld holt mich rasch wieder aus meinen ästhetischen
Betrachtungen. Mit 200 km/h rase ich im freien Fall auf die im Lee des Monte
Zeballo liegende Walze zu. Und richtig, in 3500 m klettert das Vario wieder
weit in den positiven Bereich, Gelegenheit wieder aufzuatmen, und die
herrliche Aussicht zu genießen. Der Lago Ghio, blaugrün, Lago Puerredon,
dunkelblau, smaragdgrün glänzt der Lago Belgrano durch die weißen Wattebäusche.
Das ist Navigation nach meinem Geschmack. Um 13:15 bin ich an meiner ersten
Wende und habe damit knapp 900 km geflogen.Schon seit dem etwas unheimlichen
Überflug der nördlichen Kaltfront bin ich am Überlegen , ob ich diese
Riesenhürde auch gegen die deutliche Nordkomponente schaffen werde.
Vielleicht ist die kritische Zone gar mit Schauern und hochreichender Bewölkung
völlig unpassierbar. Andererseits spukt mir seit geraumer Zeit der Gedanke an
einen freien Flug nach Feuerland im Hinterkopf. Fitzroy, Perito-
Moreno-Gletscher, Ushuaia.....
Gedankenfetzen
machen sich selbständig und spielen Kobold in meinen grauen Zellen. "
Vernünftige" Argumente werden eifrig zurechtgeschneidert und nur wenig
später lasse ich meinen Wendepunkt links liegen und nehme Kurs auf Kap Horn.
Dies fällt mir um so leichter, als voraus wunderschöne Rotorlinien zügiges
Vorankommen sichern. In 7500m mit Steigwerten bis zu 5 Sekundenmetern fliege
ich in Hochstimmung meinen Träumen hinterher. Die Navigation wird durch die
zahlreichen markanten Seen zum Kinderspiel. Eine ungeheure Farbenpracht
verschwendet sich dem einsamen Zuschauer in der Aussichtsplattform S 10.
Gerade habe ich die Hochebene des Todes oder Meseta de la Muerte überquert,
da treffe ich westlich des Lago Cardiels einen starken Wellenaufwind .
Oberhalb von 8000m verliertdas LX 5000 seine Variofunktion ,nur der Höhenmesser
funktioniert noch. Die Stauscheibe hängt am oberen Anschlag fest. Längst bin
ich vom EDS-Gerät auf Maskenatmung
des Bendix-ogygen-ports umgestiegen. Die kurzfristige Überlegung auf einen Höhenrekord
verwerfe ich nach einem Blick auf die Außentemperatur . In 9200m fliege ich
bei - 41 Grad und 6 m Steigen ab. Die mehrstöckige Lenti ist noch mindestens
2000 m höher aber der Gefrierschutz der Kühlerflüssigkeit geht nur bis -38
Grad. Leider geht es genauso schnell wieder runter wie rauf, ich fliege einen
schlechten Streifen und finde mich nördlich des Lago Viedma in 4500m wieder.
Weiter westlich kann ich in einem verbreiterten Straßenteil den Landingstrip
einer Estancia ausmachen. Allerdings hat der Wind unheimlich aufgefrischt. Im
Schneckentempo versuche ich vor eine Reihe von vermeintlichen Rotorwolken zu
kommen. Ich sehe das erste Mal in meinem Leben grüne Wolken und dies liegt
nicht am Sauerstoffmangel. Das türkisfarbene Wasser reflektiert das Licht und
führt zu dem seltenen Phänomen. Die Wolken über dem See enttäuschen mich,
ich probiere mein Glück weiter in Richtung Lago Argentino und falle das
erstemal seit 1100 km aus den laminaren Zonen in die turbulente Wirklichkeit
der Gletscherregionen. Hier ist richtig was los, die Stemme wird zum Spielball
kurzer Rotorwalzen. Immer wieder versuche ich gegen den Wind im Lee des
Hauptkamms eine Welle zu finden, vergebens. Einmal gelingt es mir sogar
wieder auf 5000m zu steigen. Der Gewinn ist ebensoschnell wieder verflogen.
Nach mehr als 2 Std. härtestem Luftkampf gebe ich mich geschlagen und suche
ruhigere Gefilde im wilden Strömungsgebilde. Und siehe da, eine breite Zone mäßigen
Steigens nördlich vom Flugplatz Calafate entpuppt sich als erneuter
Welleneinstieg weit vom Kamm entfernt. Interessanterweise rollen die
Fractocumuli unter mir durch. Ich bin wild entschlossen, auf Maximalhöhe zu
klettern, doch wohin dann?? Im Südwesten kündigt sich die nächste Kaltfront
an, diesmal allerdings mit hochreichenden Wolken. In 6500m
ziehe ich etwas halbherzig in Richtung
Südsüdost, drei Stunden habe ich hier fast ohne Streckengewinn
verbracht. Ich befinde mich weit oberhalb der windzerzausten Thermikwolken und
einer sehr wilden und mit wenig Navigationsmerkmalen ausgestatteten
Landschaft. Eine flache Lenti in fast 100 km östlich von mir erregt meine
Aufmerksamkeit. Sie steht über einer hochaufragenden Cumuluslinie und es
handelt sich wohl eher um eine Art Hangaufwind am konvektiven Hindernis. Das
Ding funktioniert zu meiner Freude und ich komme endlich wieder in Richtung Süden
voran. Teilweise beträgt meine groundspeed über 300 Km/h. Hier gibt es auch
wieder zahlreiche Flugplätze, die aus meiner stattlichen Höhe von über 5000
m komfortabel zu erreichen sind.
Und
dann sehe ich sie vor mir...
Wie
eine riesige Seenplatte taucht sie aus der gleichförmigen Landschaft auf...
die Maggellanstrasse......Benannt nach ihrem Entdecker ,dient der Meeresarm
auch heute noch als willkommene Abkürzung vom Atlantik zum Pazifik.
Für
mich ist sie das Sprungbrett nach Feuerland und atemberaubender Höhepunkt
meines Abenteuers. Immer wieder finde ich schwache Steigzonen über der
flachen Landschaft. Irgendwann stelle ich in 5000 m fest, daß ich bei 100km/
h Anzeige mit 20km/ h rückwärts fliege. Das Meer unter mir ist aufgewühlt
und glänzt in der für 20:00 Uhr noch hochstehenden Sonne. Mittlerweile ist
das Wolkenband der Front bedrohlich nähergerückt. Aus meiner Höhe kann ich
kaum Lücken im dichten Wolkenteppich erkennen. Darunter sieht es aber sehr
nach Schauern aus.
Mein Traumziel Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, ist
noch 160 km entfernt. 4000 m ausfliegbare Höhe bei über 140 km/h Querwind
sind mir aber zu riskant bei dieser völlig unlandbaren Landschaft, und so
entscheide ich mich schweren Herzens in Richtung Sicherheit, dem nur 90 km
entfernten Flugplatz von Rio Grande, wo ich dank des mächtigen Rückenwindes
in 3500 m eintreffe. Ein kurzer Check auf dem GPS gibt mir eine Distanz von
1545 km von meinem Startort San Martin an. Damit hätte ich den 27 Jahre alten
Weltrekord von Hans Werner Grosse um fast 100 km überboten. Meine zwei von
den argentinischen Freunden geliehenen Logger blinken schön vor sich hin und
ich wiege mich in dem Glauben, alles sei in Ordnung. Der Controller ist
freundlich und gibt mir Landerichtung und den Bodenwind mit 35 Kt, Böen bis
45 kt. Zum Aussteigen muß ich den freundlichen Herrn auf dem Tower um Hilfe
bitten, da bei dem gewaltigen Seitenwind die große Haube der S 10 gefährdet
wäre. Ein Follow-me schleppt meinen Flieger in den Windschutz der Halle des
hiesigen Aeroclubs, freundliche Leute , die ich allerdings erst am nächsten
Tag kennenlerne.
Für
den Rückflug nach San Martin brauche ich trotz reinen Motorflugs 2 Tage.
Phantastische Wellen begleiten mich auf diesem Flug...aber das wäre ja schon
wieder eine eigene Geschichte.....
Klaus Ohlmann
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