Im Segelflug von San Martin bis nach Feuerland 


16.12.1999


Seit Tagen bläst unaufhörlich ein scharfer West durch das Tal von San Martin de los Andes. Endlich, denn meine Geduld wurde seit November auf Probe gestellt. Zwar gelangen  uns, im Rahmen des Mountain- Wave- Projects, einige Flüge über tausend km in der Welle, und viele wunderschöne Thermikstunden über der bezaubernden  Seenlandschaft dieser Region. Die "richtige" Wetterlage ließ aber auf sich warten. Die Freunde vom wissenschaftlichen Teil unseres Projekts saßen längst wieder im unterkühlten Europa an ihren Schreibtischen, als endlich die heißersehnte Starkwindlage eintraf.  Seit einigen Tagen war ich alleiniger Herr über den Supermotorsegler S 10 VT, den ich in vielen Stunden und Situationen schätzen gelernt hatte. In der Tat erstaunte es mich immer wieder, wie wendig dieses Flugzeug mit immerhin 23 m Spannweite, und dank unserer Ausrüstung immer an der obersten Grenze liegenden Gewichts, trotzdem ist. Mein Calif erscheint mir daneben eher als gemächlich , was die Kurvenwechsel angeht. 

Die Kombination aus schnellem Motorflugzeug und absolut hochleistungstauglichem Segelflugzeug ist weltweit einzigartig. Wohlgemerkt, die Stemme in Wettbewerbslisten zu suchen ist müßig. Zentrale Wettbewerbe werden zumeist an schwachen Tagen entschieden, wo mit niedrigsten Flächenbelastungen gerade noch gestiegen werden kann. Die S 10 ist ein Fun- Flieger mit Drang zu Höherem. Am 12.12.  zeichnet sich mit einer herannahenden Kaltfront eine passende Wetterlage für unsere Triebsituation ab. Rene bestätigt meine Vermutung, mittels Wettermail aus dem "Amt".

 

 Das Amt für Wehrgeophysik, die uns unter der Leitung von Dr. Thomas Prenosil tägliche Wind- und Feuchtevorher- sagen lieferten, trug maßgeblich für die Planung und den Erfolg unserer Expedition bei. Grundlage für die Vorhersage war ein regional verschiebbares numerisches Wettervorhersagemodell, welches als Basis für die Beratung bei internationalen Hilfseinsätzen der Bundeswehr dient. Unsere Flüge waren für die wissenschaftliche Verifizierung ein wertvolles feed- back

Am Folgetag gelingt mir, zusammen mit meinem Co Mauro, unserem eifrigen argentinischen Helfer ein freier 1406 km Zielrückkehrflug. Einen Tag später, mein Mitflieger ist noch erschöpft, fliege ich allein an einer unglaublichen Lentistruktur wieder mehr als 700 km nach Süden und lande um 18:40 bei besten Wellenbedingungen in San Martin, da die hereindrückende Kaltfront den Platz zuzumachen droht. 

Am nächsten Morgen  bin ich wieder um 5:00 am Flugplatz, es nieselt leicht, in der Morgendämmerung sind nur weit im Osten Aufhellungen zu sehen., mein Abflugpunkt ist aber der Flugplatz. Meine Entscheidung, nicht zu fliegen, wird durch das Schlafdefizit der letzten Tage forciert. Um 6:30 räkele ich mich wieder im warmen Bett und bin vor Mittag nicht mehr zu sehen. Das Satellitenbild und der Flugbericht von Diether   Memmert, der sich an diesem Tag auf den Heimflug nach Buenos Aires macht, belehrt mich im Nachhinein eines Besseren, der Tag war sicherlich auch wieder ein großer Wellenstreckentag.  Am Nachmittag schaue ich mir im Internet auf dem argentinischen Wetterserver noch einmal die Lage an. Die Kaltfront ist durch, vom Pacifik  rückt jedoch schon eine neue heran, und die Zeichen stehen schon wieder auf Sturm. Der Versuch , die in e-mails verpackten Wetterdaten aus Deutschland zu erhalten scheitert wieder mal am Server in San Martin. Ich beschließe einmal mehr, daß morgen wieder "der Tag" sei und bin wieder in aller Herrgottsfrüh hochmotiviert am Flugplatz. 

In schon geübter Manier wird Flieger ent- und Pilot bekleidet und um 6:40 zerrt der Rotax die schwer beladene S 10  in den nur wenige km westlich gelegenen Hausrotor. In 1500 m NN nehme ich das Gas raus, nur einige Sekunden später bin ich in Segelflugkonfiguration im schmalen, noch turbulenten Steigfeld unmittelbar neben dem Platz. Ich setze eine GPS-Marke und mache einen Abflug in 1700 m NN. Im Logger ist ein 2080 km Flug um 3 Punkte Zielrückkehrflug deklariert.

Nach dem Überflug wieder im markierten Aufwind, steige ich auf 4000m und fliege zum Chapelco, dem ca. 2500m hohen Skigebirge von San Martin. Im Westen sehe ich die herannahende Kaltfront mit ihrer typisch unscheinbaren cirrenähnlichen Erscheinung. Das Licht ist fahl, einige flache Lentis markieren den Weg nach Bariloche. Trotz mageren Steigens komme ich sehr rasch voran. Eine kräftige Nordwestkomponente und 5000m Höhe treibt die Groundspeed auf über 200 km/h. Das Loch von Bariloche wird mit einem Satz genommen. Auf der Frequenz des Flughafens ist noch nichts los. Die Sierra de la Ventana ist zuverlässig wie immer. Rotoraufreihungen in niedrigen Höhen auf Kurs geben die notwendige Sicherheit für zügiges Vorankommen auf der Schnellstraße nach Esquel. Beunruhigt bin ich allerdings durch die starke Stratusschicht, die von Chile über die Kammlinie der Anden hereindringt. Wie schon so oft, scheint der Weiterflug hier zu Ende. Ich will mich heute aber nicht wieder abwimmeln lassen. Die Auswertungen von vorangegangenen Tagen hatten immer wieder ein Feuchteband südlich der Esquelregion gezeigt, aber auch ein häufiges Abtrocknen weiter im Süden. Ich nutze einen recht guten 3 m- Lift bis auf 7500 m , um mir die nötige Übersicht zu schaffen. Vor mir breitet sich ein recht uniformes Stratusfeld mit nur wenigen Lücken aus, das die hereindringende Kaltluft markiert. Vorsichtig gleite ich  etwa 100 km über das gleichförmige Grau. Hie und da kann ich durch eine Lücke im Wolkenteppich einen Hauch von terrestrischer Navigation betreiben. Ohne die bereits erflogene  Kenntnis des Geländes da unten, wäre der Weiterflug undenkbar. Angestrengt starre ich auf Kurs und tatsächlich, weit in der Ferne sind einige Bergspitzen auszumachen. Wenige Minuten später wird mein Silberstreif am Horizont zu einem deutlich sichtbaren Loch in der grauweißen Masse. Nach 200 km Gleitflug schaffe ich gerade noch die letzten Wolkenhürden. Eine sonnenüberflutete Landschaft breitet sich vor mir aus. Meine doch recht provisorische Navigation wird durch den westlich gelegenen Lago Fontana wieder zum Kinderspiel. Dennoch fliege ich sehr verhalten, da vor mir nur wenig Wellenzeichen auszumachen sind. Kaum der grauen Herde entronnen, wünsche ich mir wieder ein paar Wolkenschäfchen mehr als Wegbegleiter. Aber auch ohne die Rotorspielgefährten finde ich den rechten Weg. Schon kann ich Balmaceda in Chile erkennen und vor mir liegt bereits die dreifarbige Wasserlandschaft des Lago Buenos Aires. Nördlich des gewaltigen Sees nutze ich die mir bereits bekannte steile Himmelsleiter, um bis auf  7000m zu klettern. Südlich kann ich jede Menge Rotorbänder erspähen, die bis weit ins Landesinnere reichen. Hier betrete ich Neuland.... und was für welches. Unendliche graubraune Steinwüsten mit einer Unzahl von verschiedenfarbigen Seen. Gelb, rot, blau, grün, unmittelbar nebeneinander leuchten sie wie Spiegel zu mir herauf. Ein gewaltiges Abwindfeld holt mich rasch wieder aus meinen ästhetischen Betrachtungen. Mit 200 km/h rase ich im freien Fall auf die im Lee des Monte Zeballo liegende Walze zu. Und richtig, in 3500 m klettert das Vario wieder weit in den positiven Bereich, Gelegenheit wieder aufzuatmen, und die herrliche Aussicht zu genießen. Der Lago Ghio, blaugrün, Lago Puerredon, dunkelblau, smaragdgrün glänzt der Lago Belgrano durch die weißen Wattebäusche. Das ist Navigation nach meinem Geschmack. Um 13:15 bin ich an meiner ersten Wende und habe damit knapp 900 km geflogen.Schon seit dem etwas unheimlichen Überflug der nördlichen Kaltfront bin ich am Überlegen , ob ich diese Riesenhürde auch gegen die deutliche Nordkomponente schaffen werde. Vielleicht ist die kritische Zone gar mit Schauern und hochreichender Bewölkung völlig unpassierbar. Andererseits spukt mir seit geraumer Zeit der Gedanke an einen freien Flug nach Feuerland im Hinterkopf. Fitzroy, Perito- Moreno-Gletscher, Ushuaia..... 

Click - for a large image!Gedankenfetzen machen sich selbständig und spielen Kobold in meinen grauen Zellen. " Vernünftige" Argumente werden eifrig zurechtgeschneidert und nur wenig später lasse ich meinen Wendepunkt links liegen und nehme Kurs auf Kap Horn. Dies fällt mir um so leichter, als voraus wunderschöne Rotorlinien zügiges Vorankommen sichern. In 7500m mit Steigwerten bis zu 5 Sekundenmetern fliege ich in Hochstimmung meinen Träumen hinterher. Die Navigation wird durch die zahlreichen markanten Seen zum Kinderspiel. Eine ungeheure Farbenpracht verschwendet sich dem einsamen Zuschauer in der Aussichtsplattform S 10. Gerade habe ich die Hochebene des Todes oder Meseta de la Muerte überquert, da treffe ich westlich des Lago Cardiels einen starken Wellenaufwind . Oberhalb von 8000m verliertdas LX 5000 seine Variofunktion ,nur der Höhenmesser funktioniert noch. Die Stauscheibe hängt am oberen Anschlag fest. Längst bin  ich vom EDS-Gerät auf  Maskenatmung des Bendix-ogygen-ports umgestiegen. Die kurzfristige Überlegung auf einen Höhenrekord verwerfe ich nach einem Blick auf die Außentemperatur . In 9200m fliege ich bei - 41 Grad und 6 m Steigen ab. Die mehrstöckige Lenti ist noch mindestens 2000 m höher aber der Gefrierschutz der Kühlerflüssigkeit geht nur bis -38 Grad. Leider geht es genauso schnell wieder runter wie rauf, ich fliege einen schlechten Streifen und finde mich nördlich des Lago Viedma in 4500m wieder. Weiter westlich kann ich in einem verbreiterten Straßenteil den Landingstrip einer Estancia ausmachen. Allerdings hat der Wind unheimlich aufgefrischt. Im Schneckentempo versuche ich vor eine Reihe von vermeintlichen Rotorwolken zu kommen. Ich sehe das erste Mal in meinem Leben grüne Wolken und dies liegt nicht am Sauerstoffmangel. Das türkisfarbene Wasser reflektiert das Licht und führt zu dem seltenen Phänomen. Die Wolken über dem See enttäuschen mich, ich probiere mein Glück weiter in Richtung Lago Argentino und falle das erstemal seit 1100 km aus den laminaren Zonen in die turbulente Wirklichkeit der Gletscherregionen. Hier ist richtig was los, die Stemme wird zum Spielball kurzer Rotorwalzen. Immer wieder versuche ich gegen den Wind im Lee des  Hauptkamms eine Welle zu finden, vergebens. Einmal gelingt es mir sogar wieder auf 5000m zu steigen. Der Gewinn ist ebensoschnell wieder verflogen. Nach mehr als 2 Std. härtestem Luftkampf gebe ich mich geschlagen und suche ruhigere Gefilde im wilden Strömungsgebilde. Und siehe da, eine breite Zone mäßigen Steigens nördlich vom Flugplatz Calafate entpuppt sich als erneuter Welleneinstieg weit vom Kamm entfernt. Interessanterweise rollen die Fractocumuli unter mir durch. Ich bin wild entschlossen, auf Maximalhöhe zu klettern, doch wohin dann?? Im Südwesten kündigt sich die nächste Kaltfront an, diesmal allerdings mit hochreichenden Wolken. In 6500m  ziehe ich etwas halbherzig in Richtung  Südsüdost, drei Stunden habe ich hier fast ohne Streckengewinn verbracht. Ich befinde mich weit oberhalb der windzerzausten Thermikwolken und einer sehr wilden und mit wenig Navigationsmerkmalen ausgestatteten Landschaft. Eine flache Lenti in fast 100 km östlich von mir erregt meine Aufmerksamkeit. Sie steht über einer hochaufragenden Cumuluslinie und es handelt sich wohl eher um eine Art Hangaufwind am konvektiven Hindernis. Das Ding funktioniert zu meiner Freude und ich komme endlich wieder in Richtung Süden voran. Teilweise beträgt meine groundspeed über 300 Km/h. Hier gibt es auch wieder zahlreiche Flugplätze, die aus meiner stattlichen Höhe von über 5000 m komfortabel zu erreichen sind.

Und dann sehe ich sie vor mir...

Wie eine riesige Seenplatte taucht sie aus der gleichförmigen Landschaft auf... die Maggellanstrasse......Benannt nach ihrem Entdecker ,dient der Meeresarm auch heute noch als willkommene Abkürzung vom Atlantik zum Pazifik. 

Für mich ist sie das Sprungbrett nach Feuerland und atemberaubender Höhepunkt meines Abenteuers. Immer wieder finde ich schwache Steigzonen über der flachen Landschaft. Irgendwann stelle ich in 5000 m fest, daß ich bei 100km/ h Anzeige mit 20km/ h rückwärts fliege. Das Meer unter mir ist aufgewühlt und glänzt in der für 20:00 Uhr noch hochstehenden Sonne. Mittlerweile ist das Wolkenband der Front bedrohlich nähergerückt. Aus meiner Höhe kann ich kaum Lücken im dichten Wolkenteppich erkennen. Darunter sieht es aber sehr nach Schauern aus.

Mein Traumziel Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, ist noch 160 km entfernt. 4000 m ausfliegbare Höhe bei über 140 km/h Querwind sind mir aber zu riskant bei dieser völlig unlandbaren Landschaft, und so entscheide ich mich schweren Herzens in Richtung Sicherheit, dem nur 90 km entfernten Flugplatz von Rio Grande, wo ich dank des mächtigen Rückenwindes in 3500 m eintreffe. Ein kurzer Check auf dem GPS gibt mir eine Distanz von 1545 km von meinem Startort San Martin an. Damit hätte ich den 27 Jahre alten Weltrekord von Hans Werner Grosse um fast 100 km überboten. Meine zwei von den argentinischen Freunden geliehenen Logger blinken schön vor sich hin und ich wiege mich in dem Glauben, alles sei in Ordnung. Der Controller ist freundlich und gibt mir Landerichtung und den Bodenwind mit 35 Kt, Böen bis 45 kt. Zum Aussteigen muß ich den freundlichen Herrn auf dem Tower um Hilfe bitten, da bei dem gewaltigen Seitenwind die große Haube der S 10 gefährdet wäre. Ein Follow-me schleppt meinen Flieger in den Windschutz der Halle des hiesigen Aeroclubs, freundliche Leute , die ich allerdings erst am nächsten Tag kennenlerne.

Für den Rückflug nach San Martin brauche ich trotz reinen Motorflugs 2 Tage. Phantastische Wellen begleiten mich auf diesem Flug...aber das wäre ja schon wieder eine eigene Geschichte.....



 Klaus Ohlmann