Die "Kaltfrontwelle"
14.12.99

Schon morgens um 5:00 verfluche ich Logger, Software, alle Computer dieser Welt und das Handy , mit dem ich gerade versuche Marcelo in America zu erreichen. Am Vortag hatte der Logger perfekt geschrieben, aber die von mir eingegebene Task wurde nicht übernommen und in dem Weltrekordfile stand als Aufgabe das 1000 km -Jojo mit Startpunkt Chos Malal vom Jahr zuvor. Mein schlechtes Spanisch und die ebenso schlechte Telefonverbindung trugen nicht geradezu dazu bei, dieses Problem zu lösen. Schluß endlich glaube ich alles richtig zu haben und starte endlich um 7:30, für meinen Geschmack fast 2 Stunden zu spät, denn ein 1700 km Zielrückkehrflug mit dem Abflug- und Zielpunkt Chapelco Flugplatz und dem Wendepunkt Monte Zeballo stehen auf dem Aufgabenzettel. Ein Glück, wenigstens die S 10 springt wie gewohnt beim ersten Startversuch an und in kürzester Zeit bin ich über meinem Abflugpunkt , der runwaymitte des Flugplatzes von San Martin. Dieter Memmert, mit dem Nimbus 4 schon deutlich früher gestartet, kann mir schon wertvolle Hinweise über die Chapelcowelle geben, vielleicht kann ich so etwas von der verlorenen Zeit einholen.

Zunächst heißt es jedoch , sich in Geduld zu üben. Riesige ,aber sehr flache Lentis kennzeichnen unseren Weg, aber die Steigwerte unten herum sind erbärmlich. Erst oberhalb von 4000 m wird´s halbwegs brauchbar mit knapp 3 Sekundenmetern, dazu sind die Steigfelder auch noch eng begrenzt. Fly high, sagt mir mein durch langjährige Erfahrung stark modifiziertes Gefühl, und so segle ich ganz und gar nicht rekordverdächtig gemächlich in Richtung Barilodge. Dieter nimmt einen Umweg über eine Lentireihung weiter im Osten, kehrt aber dann doch wieder an den Hauptkamm zurück, meine Gelegenheit ihn hier wieder einzuholen. Eine langezogene, und gleichzeitig vertikal in mehreren Schichten verlaufende Lenti bringt im Geradeausflug Höhe und Strecke. Nordöstlich von El Maiten katapultiert sie uns mit über 4 m/s auf 6000m. Von diesem Hochsitz habe ich einen einzigartigen Blick auf einen gigantisch langen Föhnaal in Kursrichtung. Die starke Bedeckung in den unteren Schichten kündet von der feuchtkalten Pazifikluft, die sich hier wie ein nasses Handtuch über die trockene Pampa legt. Die wenigen Föhnlücken in der Stratusschicht verstärken meine Fly high-Tendenz. Hier oben geht es eh schneller voran. Zwischen 150 und 320 km/h zeigt die groundspeed und ich kann trotzdem 6000 m halten. Der Nimbus 4 kommt mit seiner relativ niedrigen Flächenbelastung kaum noch hinter der schwerbeladenen Stemme her, der Abstand wird immer größer. Leider entfernt sich auch unsere Höhenrennbahn immer weiter von unserem Kurs ins Landesinnere, ich fliege schon einen Track von 150 Grad und weiter im Süden knickt sie noch stärker nach Osten. Ich lasse meine Aufgabe sausen, zu neugierig bin ich, wohin mich diese Wolkenwurst noch führen wird. Immer schneller rast die Landschaft, soweit überhaupt noch sichtbar, unter mir durch. GPS- Navigation hilft glücklicherweise, nicht den Überblick zu verlieren, hundertprozentig verlassen will ich mich darauf jedoch nicht. Den Flugplatz von Esquel, Tecka Southwest und San Jose de Martin könnte ich beim Aussteigen der Technik auch durch terrestrische Navigation noch finden, dafür waren die vorangegangenen Trainingsflüge gut. Mittlerweile geht die Post ab. In einer Stunde lege ich ohne Höhenverlust 280 km !!! zurück. Durch den Ostknick meines Wolkenhighways und der damit verbundenen Rückenwindkomponente bleibt die groundspeed beharrlich um die 300 km/h. Der Rausch der Geschwindigkeit hält mich gefangen, über 200 km bin ich schon vom Hauptkamm entfernt im Landesinneren und noch ist kein Ende meiner Wolkenraserei in Sicht. Die Wüstenei unter mir ist mir völlig fremd. Rotbraune Canyons durchziehen die braunbeige Pampa, hie und da ein grünes Flußbett mit schimmerndem Naß, weiße Salzseen und nur ganz wenige Staubstraßen führen durch dieses wilde, weite Land. Voraus bilden sich jetzt Schauer unter meiner Rennstrecke, inzwischen bin ich am Lago Musters im Lee der Sierra de San Bernardo angekommen, einer flachen Hügelkette mit einer mittleren Höhe von ca. 3500 Füßen über NN. Mit bis zu 6m/s geht´s hier rauf, ich glaube aber nicht mehr an eine rein orographisch ausgelöste Welle. Die gewaltige Aufwindstraße hat irgendetwas mit der Kaltfront zu tun, die von Westen her sichtlich vorankommt. Meine Neugier überwiegt und ich düse weiter an den zauberhaften, immer wieder neuen Formen der Föhnfische entlang. Bei km 715 entscheide ich mich trotz weiterer Lentis im Südosten gegen 11:45 zur Umkehr. Die Schauer, der voraussichtliche Gegenwind, aber vor allem die Hiobsbotschaften von Dieter bewegen mich dazu, mein Schiff wieder in Richtung Heimat zu steuern. Außerdem ist meine Karte im Osten abgeschnitten, wer hätte schon gedacht,mit einer Welle so weit östlich zu fliegen. Erst an unserer Übersichtskarte in der Hosteria von Claudia und Gustavo erkenne ich, daß mir kaum noch 100 km zur Atlantikküste fehlten. Dieter hat in der Zwischenzeit andere Probleme. Ihm war dieses Pampawellenreiten suspekt und so drehte er schon weit vor dem Lago Musters um. Unglücklicherweise traf er diese Entscheidung genau im maximalen Sinken zwischen zwei versetzten Lentikulariswolken. Durch den starken Abwind, der durch den Gegenwind noch verlängert wurde, bekam er keinen Anschluß mehr und musste schließlich ob der unschönen Landeperspektiven den Motor schmeißen. Glücklicherweise ist seine Haartracht schon weitestgehend weiß, sonst wären abends sicher die hinzugekommenen grauen Haare aufgefallen. Im Sägezahnflug bei ca 80 km/h Gegenwind, nicht allzuviel Sprit im Tank, erreicht er schließlich, immer wieder Positionsmeldungen absetzend, den Flugplatz in San Jose, wo er nach 3km Fußmarsch auf eine Tankstelle trifft. Er konnte sich sicherlich mehr Details der atemberaubenden Westernlandschaft ansehen als ich.

Ich halte mich mehr an meine Umlaufbahn, wohlwissend, daß mein Viertaktmotor mit seinem in der Kälte steifen Öl wohl kaum anspringen würde.

Meine Kaltfrontwelle ist inzwischen deutlich nach Osten gewandert und ich halte mich schön hoch vor der immer noch gut markierten Aufwindlinie. In 7500 m strebe ich mit deutlich langsamerer Grundgeschwindigkeit nach Norden. Mittlerweile bin ich fast 80 km östlich von meiner Anflugroute mitten in der Pampa. Teilweise steigt es mit bis zu 6 m auf fast 8000 NN. Die Stratusbewölkung unter mir gewinnt immer mehr an Struktur, je weiter ich nach Norden vorankomme. In regelmäßigen Abständen reiht sich Rotorwalze auf Rotorwalze in mehr als zehnfacher Folge.

Westlich der Sierra de Cutancunue veranlassen mich 7 m Steigen , auf 8000 m zu klettern.

Etwa auf der Höhe von Esquel entschließe ich mich, wieder in Richtung Cordillere zu fliegen. Die regelmäßigen Rotorbänder erleichtern trotz des kräftigen Gegenwindes und immensen Sinkens mein Vorhaben. Dieter ist auch wieder in der Luft und meldet 9m/s über San Jose.

Im wilden Zickzack sowohl horizontal als auch vertikal erreiche ich schließlich die Hauptkammlinie östlich von El Maiten. Für den folgenden Endanflug von 200 km benötige ich 90 Minuten und 2000 m, komme mit über 4000 m am Platz an, wo es aus 7/8 leicht schauert. Es ist 18:30, in Richtung Catanlil hat sich eine ungeheure Lentimauer aufgebaut, die sicherlich bis nach Chos Malal reicht. Ich bin müde und die Aussicht mit eiskaltem Motor kurz vor Sonnenuntergang an irgendeinem Platz im Regen zu landen, macht den Entschluß leicht, in meiner Homebase zu landen, in der Meinung, meinen freien Zielrückkehrweltrekord vom Vortag um 20 km überboten zu haben.

Erst viel später begriff ich, daß ich an diesem Tag den größten Segelflug der Welt verspiele.

Es hätte nichts genutzt. Bei der Loggerauswertung fehlt die erste Stunde des Flugs.